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Zeitzeugen-Gespräch mit Dr. Leon Weintraub (Preisträger des Göttinger Friedenspreises 2026)

Am Freitag, den 6. März 2026, fand am Felix-Klein-Gymnasium im Rahmen der Verleihung des Göttinger Friedenspreises ein Gespräch mit Dr. Leon Weintraub und Sanem Kleff vom Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, den beiden Preisträgern statt.

Dr. Leon Weintraub, seinerseits bereits Träger der Ehrendoktorwürde der Göttinger Universität und nun auch des Göttinger Friedenspreises, überlebte als verfolgter jüdischer Jugendlicher den Holocaust und mehrere Konzentrationslager. Weintraub war einer der wenigen in seiner Familie, die nicht vom nationalsozialistischen Deutschland umgebracht wurden. Ein Jahr nach Kriegsende, 1946, begann er sein Medizinstudium in Göttingen.

In der Aula des FKG berichtete er den vielen Schüler*innen vom FKG, MPG, THG und der IGS Geismar von seinem Leben und den unfassbaren Grausamkeiten des NS-Regimes. Im Anschluss konnten Fragen gestellt werden, die er ausführlich beantwortete.Solche Begegnungen mit Holocaust-Zeitzeugen sind für unsere Erinnerungskultur von unschätzbarem Wert, zumal sie immer seltener werden. Aus erster Hand zu erfahren, wohin sich eine sich radikalisierende Gesellschaft ohne Achtung der Menschenwürde als höchstem Gut entwickeln kann, erzeugt Umsicht, aber beängstigt auch im Anbetracht der momentanen Geschehnisse um uns herum. Parteien, die mit Hass und Manipulation Wähler*innen gewinnen, werden im globalen Westen schnell immer beliebter, auch in Deutschland.

Immer weniger Überlebende sind noch in der Lage, die nächsten Generationen zu mahnen, an der Menschlichkeit festzuhalten und nicht dem diskriminierenden, hasserfüllten Denken zu verfallen. Ich bin sehr dankbar für diese Gelegenheit.

Max Gosewinkel (Jahrgang 13)

 

Weintraub berichtete aus seinem Leben: Nach einer glücklichen Kindheit und sechs Jahren Schulbesuch sei die Wehrmacht am 1. September 1939 in seine Heimatstadt Łódź in Polen einmarschiert. Viereinhalb Jahre habe er dann mit seiner Familie in einem Ghetto gelebt, bis zu dessen Auflösung 1944. Anschließend sei seine Familie im August 1944 nach Ausschwitz deportiert und dort getrennt worden. Seine Mutter und seine Tante seien sofort am Ankunftstag in der Gaskammer ermordet worden. Auf die Frage, ob ihm etwas zu der Zeit Hoffnung gemacht habe, antwortete Weintraub, dass es leider nichts Positives zu finden gab. Der Alltag sei grauenhaft gewesen: Tag und Nacht habe es nach verbranntem Fleisch gerochen, zwölf Stunden am Tag sei gearbeitet worden, es habe nur eine Schüssel Essen für vier Gefangene gegeben und ein bis zwei Leichen mussten täglich aus den Baracken gebracht werden. Soldaten durften sich Widersetzende schlagen oder sogar erschießen. Dass er sich während einer Unterteilung instinktiv zu einer Gruppe für den Arbeitseinsatz gestellt habe, habe ihn vor dem Tod gerettet. Nach Aufenthalten in weiteren Lagern und der Befreiung 1945 habe er im Jahr 1946 sein Medizinstudium in Göttingen begonnen. Er beendete es in Polen und wurde Facharzt für Geburtshilfe, „frauenwürdig“ wollte er sein. Nach einer antisemitischen Welle in Polen sei er mit seiner Familie nach Schweden gezogen, wo er bis heute lebt.

Weintraub fügte hinzu: „Was sind wir denn im Weltall? Nur winzige Stäubchen. Menschen zu unterteilen ist deshalb Unsinn.“ Zudem kritisierte er, dass Geld für Waffen und für die Ausbildung von Soldaten ausgegeben werde. Das Geld könnte für Bildung, Kultur oder Kranke ausgegeben werden; je mehr man Menschen bestrafe, umso mehr wollten sie andere aus der Welt bringen.

Zum Ende hin wurde das Gespräch besonders emotional, Sanem Kleff, die Vorsitzende des Trägervereins „Aktion Courage“ zeigte ihre Sorgen. Alle heutigen kriegerischen Auseinandersetzungen müssten aufhören. „Dieser Wahnsinn, der weltweit versucht, sich breit zu machen, ist nicht normal! […] Wir müssen zum Frieden kommen!“ – Wir sind zwar alle unterschiedlich, aber es gibt nur eine einzige Menschenwürde. Wenn man so denkt, dann platzt Rassismus wie eine Blase. Man soll ohne Vorurteile aufwachsen!

Auch Weintraub zeigte seine Empörung über die aktuelle Lage und stampfte mit seinem Bein auf: „Mit Leichen arbeiten ist doch nicht menschlich!“

Dass Menschen über das Leben anderer bestimmen, bis hin zum Töten, müsse vermieden werden. In der NS-Zeit sei die Gleichwertigkeit ignoriert worden, aber heute müssten wir laut zeigen, dass der Wert jedes Menschen gleich ist und man müsse gegen eine Partei, die dies nicht ernst nehme, entschieden auftreten.

Jan Petersen Ricano (Jahrgang 12)